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Es riecht nach Urin. Dunkle Flecken auf dem Gehweg. Links die hohe Häuserfront, rechts die Rückseite vom Bahnhof Zoo. Ein junger Mann kauert auf dem Bordstein. Unrasiertes Gesicht, braun gebrannte Haut. Sein dunkelblauer Anzug sitzt schlecht. Er trägt ihn seit Tagen. Vor ihm liegen aufgesammelte Zigarettenstummel. Aus den Tabakresten kann er sich später neue drehen – für den Eigengebrauch. Es wird intensiv gelebt und viel gestorben. Irgendetwas ist immer los hier, in der Berliner Jebensstraße.

„Du fährst in die Straße rein – schon ist die Arbeit da“, sagt Iris Nowicki. Die große, stämmige Frau im besten Alter hat ihr Haupthaar rot gefärbt und zu einem kurzen Pferdeschwanz hochgebunden. „Das ist hier ein knalliges Irrenhaus“, fügt sie lachend hinzu. Nowicki ist die stellvertretende Leiterin der Bahnhofsmission Zoo. Sie sitzt auf dem schwarzen Bürostuhl im Mitarbeiterraum. „Wir sind da. Immer.“ So das Motto der größten Bahnhofsmission Deutschlands. Vierundzwanzig Stunden täglich, an 365 Tagen im Jahr. Zehn hauptamtliche Helfer, 200 ehrenamtliche pro Jahr. Daneben Praktikanten, Arbeit-statt-Strafe-Ableistende, Minijobber und ein bis zwei mobile Einzelfallhelfer für die Wiedereingliederung.

Auf dem Gehsteig gegenüber liegt eine Frau. Iris Nowicki tut sie leid. Sie ist auch schon rüber gelaufen, aber die Frau war überhaupt nicht ansprechbar. „Für Frauen ist es besonders hart draußen“, sagt Iris. Sie meint damit die Übergriffe, denen obdachlose Frauen ausgesetzt sind. Ihre Grenzen erfahren die Mitarbeiter da, wo sich Menschen nicht helfen lassen wollen. „Jeder hat seine Freiheit“, gibt die gelernte Bürokauffrau zu bedenken. „Dazu gehört auch das Recht auf Wohnsitzlosigkeit.“

Einmal tauchte eine vermisste 16-Jährige in der Bahnhofsmission auf. Iris Nowicki erinnerte sich an ihr Gesicht. Die suchende Mutter hatte sie der stellvertretenden Leiterin beschrieben. Iris kümmerte sich um das Mädchen, verständigte Mutter und Polizei. Doch statt sich zu freuen, die Tochter wiedergefunden zu haben, ging die Mutter wie eine Furie auf das Mädchen los. „Da wusste ich, jetzt habe ich einen Fehler gemacht“, berichtet Nowicki bewegt. Sie möchte Menschen gerne längerfristig helfen, nicht nur oberflächliche Probleme lösen.

Jeden Tag kommen 400 bis 600 Bedürftige zur Bahnhofsmission. Sehr viele davon wohnungslos. Drei Mal pro Tag ist Essensausgabe, die letzte von 22 Uhr bis Mitternacht. Zusätzlich gibt es Kleidung, Beratung und Hilfe in vielen Lebenslagen. Iris Nowicki hat heute bis 22 Uhr Dienst. Ein Mann mit hellen Socken steht an der Tür: „Mir wurden die Schuhe geklaut“, erwartungsvoll schaut er die Mitarbeiter an. „Kann ich jetzt Schuhe haben? Größe 42. Mann, ist das kalt.“ Einer der Helfer macht sich auf zur Kleiderkammer. Die gibt aber nur das her, was vorher an Spenden reingekommen ist. „Hier sind die Schuhe – allerdings eine Nummer zu groß“, der Mitarbeiter hält ein Paar gut erhaltene Herrentreter in der Hand. „Macht nichts, Hauptsache keine kalten Füße mehr. Danke.“ Dann ist der Mann weg.

Drüben auf der anderen Straßenseite, vor dem Fotomuseum: ein Pulk verwahrloster junger Leute. Und reichlich Alkohol. Eine Obdachlosenparty, die schon länger im Gang ist. Irgendwann werden sie weiterziehen, weiß Iris. Ihre Schlafquartiere haben sie woanders, nur der Müll wird bleiben. Iris fühlt sich verantwortlich: „Das sind doch unsere Gäste, nicht die vom Museum. Wenn die unsere Becher liegen lassen, dann können wir die auch wegräumen.“ Sie geht mit einer leeren Tüte rüber. Und kommt mit einer vollen zurück.

„Ich bin so der Papa“, hat Dieter Puhl, der Leiter der Bahnhofsmission Zoo mal gesagt. Und Iris Nowicki ist die Mama. Die Hilfsbedürftigen sind natürlich nicht ihre „Kinder vom Bahnhof Zoo“, sondern „die Gäste“. Da gibt es einen festen Stamm. Iris kennt die meisten. Es fällt leicht, sie gleich sympathisch zu finden: wache Augen, von einer schwarzen Hornbrille gerahmt, kombiniert mit unverstellter Freundlichkeit. Die ehemalige Handelsvertreterin spricht begeistert vom Team der Bahnhofsmission: „Perfekt“. „Die haben mich als Frischling gleich angenommen.“ Seit Dezember letzten Jahres ist sie dabei. Ihre Motivation: „Nächstenliebe.“ Der Aussage von Leiter Puhl kann sie voll zustimmen: „Am geilsten finde ich den Chef. Das ist Jesus Christus.“ „Was ich hier so schön finde“, ergänzt Iris, „man kann sein Christsein auch leben.“

Bianca, eine ehrenamtliche Helferin, kann bestätigen, dass das Team der Bahnhofsmission wie eine Familie ist. Sie verteilt die Lunchpakete an „die Gäste“ mit einer Freude, als würde sie Lottogewinne ansagen. Ihr selbst gibt die Arbeit auch etwas zurück. Im Eingangsbereich hat Bianca gerade einen jungen Mann wird verarztet. Iris muss sie darauf hinweisen, dass die Bahnhofsmission keine medizinische Versorgung vornehmen darf. Auch wenn es nur das Verbinden einer Wunde am Arm ist. „Ich habe diese Gesetze nicht gemacht“, entschuldigt sie sich.

Besonders hart findet Iris Nowicki die Nachtschichten. Wenn sie bis 6 Uhr arbeitet, ist sie gegen 6.30 Uhr zu Hause. „Ich kann dann nicht schlafen“, sagt sie. Das Licht, die Geräusche draußen. Da helfen auch Oropax nichts. Also bleibt Nowicki wach. Drei bis vier Nächte lang. Bis wieder Schichtwechsel dran ist. „Das ist das Maximum. Danach bin ich fertig.“ Betroffen machen die zweifache Mutter auch bestimmte Einzelschicksale. Sie zeigt auf den Gedenkbaum an der Straße. Für jeden verstorbenen Gast gibt es eine Schleife an den Zweigen. In den Farben seines Landes. Vor kurzem ist eine weitere dazu gekommen: die der 49-jährigen Kati B. Die letzten 30 Jahre hatte sie auf der Straße verbracht. „Ich habe mit Katis Tod auch wirklich zu tun“, sagt Iris.

Die Mitarbeiter der Bahnhofsmission haben auch die Möglichkeit der Supervision. Herausfordernde Situationen können dort aufgearbeitet werden. Sonst noch Burnout-Prävention? „Nö, nö! Allet jut”, versichert Iris Nowicki. Sie lacht gegen das Elend an. Ihr großer Freundes- und Bekanntenkreis hilft ihr, diese anstrengende Arbeit zu meistern. „Ich bin mit mir und mit meinem Leben zufrieden“, sagt sie. Außerdem sind die Gäste durchaus auch dankbar. Manche sogar liebevoll. Das gibt Iris ebenfalls etwas zurück. Am meisten natürlich, wenn die Obdachlosen es schaffen, von der Straße weg zu kommen. Und ihre eigene Zukunft? „Hier Rentner werden“, kommt es prompt. In der Jebensstraße Nr. 5.

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